Schallplatte versus CD

…was klingt „besser“?

Eine kleine Geschichte.

Seit kurzem habe ich zwei Plattenspieler und eine Bandmaschine in meine ansonsten „volldigitale“ Wohnzimmeranlage integriert. Diese drei analogen Quellen werden mittels eines AD-Wandlers (ProJect Phono Box DS2 USB) per USB an meinen Musik-Laptop angeschlossen.

D. h. die analogen Daten werden digitalisiert und durchlaufen dann die verschiedenen digitalen „Bearbeitungsstufen“… Raumkorrektur, DSP, DA-Wandlung,… alles was meine „volldigitale“ Wohnzimmeranlage so hat

Trotz all dieser digitalen Stufen, hat es mich erstmal überrascht, daß der charakteristische Klang von Schallplatte – inkls. der Klangcharakteristiken von System und Tonarm - erhalten bleibt. Ich hab einen Plattenspieler von einem Freund, der sehr lange mit diesem Teil in einer sehr guten analogen Kette gehört hat. Nach Anschluß an meine Anlage „erkannte“ er seinen Plattenspieler klanglich sofort wieder (was auch ihn überrascht hat).

Das war für uns beide erstmal verwunderlich, sagt man doch den „digitalen Daten“ eine deutlich andere „Klangcharakteristik“ nach. Demnach hätten ja die nun digitalisierten Daten der Schallplatte auch „digital“ klingen müssen… aber dem war definitiv nicht so.

Damit stellt sich die Frage was denn den „charakteristischen Klang von Schallplatte“ ausmacht.

Da erinnerte ich mich an einen der Workshops von Jürgen (Shakti). Da ging es um eine Vergleich verschiedener Tonabnehmer/Tonarme/Laufwerke. Der Vergleich wurde mit einem Stück von Chuck Mangione durchgeführt, das ich von CD bei mir zu Hause recht gut kenne.

Klangliche Unterschiede gab es bei allen gehörten Systemen des Workshops – vor Allem in den Bereichen Transparenz, Dynamik, Bühnendarstellung und Musikalität.
Dabei ist mir aufgefallen, daß die klanglichen Unterschiede der einzelnen Systeme recht gut mit der mehr oder weniger „scharfen“ Wiedergabe der S-Laute korrelierten. Die gehörten Klang-Unterschiede ließen sich im Wesentlichen mit dem offenbar unterschiedlichen tonalen Verhalten im Hochtonbereich erklären, was sich eben auch auf die Wiedergabe der S-Laute auswirkt – somit, wären Unterschiede bei den Frequenzgängen von Tonabnehmersystemen ein Ansatz.

Wenn man sich mal die Frequenzgänge verschiedener Tonabnehmer betrachtet, unterscheiden sich diese hauptsächlich darin, wann ein Hochtonanstieg oder Abfall beim Frequenzgang anfängt und welchen Verlauf er ab dann hat. Dabei gibt es z. B. Hochtonanhebungen von bis zu 10db und teilweise fängt die Anhebung/Absenkung schon bei 5kHz an.

Hier mal drei Beispiele:

      

 

Das erklärt natürlich auch, warum Schallplattenwiedergabe immer „anders“ klingt als CD, deren Komponenten ja primär auf einen weitgehend linearen Frequenzgang hin ausgelegt sind. Insofern sind Vergleiche zwischen Schallplatte und CD (bzw. Digitalen Daten) eigentlich „unfair“ – bei Schallplatte ein tonal verändertes Signal und bei CD tonal „unverändert“ (…man würde ja auch Verstärker nicht mit jeweils verstellten Klangreglern vergleichen).

Aufgrund der auf dem Workshop gehörten Eindrücke, habe ich dann zu Hause mal versucht bei der CD-Version des auf dem Workshop gehörten Lieds meine (DRC-) Zielkurve so zu verändern, bis auch hier die S-Laute annähernd so klangen wie ich sie bei der Schallplattenwiedergabe auf dem Workshop in Erinnerung hatte. Durch Verändern des Hochtonbereiches (basierend auf den im Internet gefundenen Frequenzgängen von Tonabnehmern) kam ich hier auch rel. schnell voran… und es ergaben sich dann auch einige klanglichen Veränderungen weitgehend so, wie ich sie vom Workshop in Erinnerung hatte.

Das ist sicherlich nur sehr grob und erhebt keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, aber die Richtung passt und die Einflüsse auf die Klangeindrücke sind schon deutlich und auch in Richtung dessen was ich an Unterschieden beim Workshop gehört habe.

 

Beim Betrachten der Frequenzgänge verschiedener Tonabnehmer fiel mir noch ein wesentlicher Unterschied zwischen Tonabnehmern und CD-Playern (bzw. der Wiedergabe digitaler Daten) auf: Das Übersprechverhalten.

Bei Tonabnehmern liegt dies meist im Bereich von -25 bis -15 db …auch hier gibt’s meist im Hochtonbereich eine „Verschlechterung“ (siehe die o. a. Messbeispiele). Das Übersprechen von CD-Playern (bzw. der Wiedergabe digitaler Daten) liegt dagegen im Bereich von mind. -90db und ist weitgehend frequenzunabhängig.

Aus Jens Blauerts Buch „Räumliches Hören“ weiß ich, daß bei Versuchen mit Reflexionen bis zu 25db leisere Signale als der Direktschall einen Beitrag u. a. zur Räumlichkeit liefern (was ich ja aus eigener Erfahrung auch kenne). D. h. auch Signale, die bis zu 25db leiser sind als der (zugehörige) Direktschall werden vom Gehör „verarbeitet“. Übersprechen bedeutet ja nichts anderes, als das der linke Kanal um den Betrag des Übersprechens leiser aus dem rechten Kanal wiedergegeben wird. Bei -15db bis  -25db könnte dieses Übersprechen also durchaus vom Gehör „verarbeitet“ werden (es gibt zudem Hör-Modelle/Theorien, die die Verarbeitung noch viel leiserer Schallanteile als sehr wahrscheinlich ansehen).

Das könnte also auch ein Grund für den „charakteristischen Klang von Schallplatte“ sein.

Da kam mir dann die Idee dies über die hinteren Wandler meiner Manger-Diskus mal aus zu probieren.

Bisher werden die hinteren Wandler mit ca. 5ms verzögert und mit ca.-12db gegenüber den vorderen Wandlern mit dem kanalgleichen Signal angesteuert. Zudem gibt es bei den beiden hinteren Wandlern ab 7kHz eine Hochtonanhebung um 5db. Dies verbesserte bisher schon die Räumlichkeit und Tiefenstaffelung und erzeugt „Luft um die Instrumente/Interpreten“.

Ein „Übersprechen“ könnte ich bei meinem System somit recht einfach durch vertauschen der Kanäle der hinteren Wandler „simulieren“. Also habe ich deren Ansteuerung vertauscht: Aus dem hinteren Wandler der rechten Box kommt jetzt das Signal des linken Kanals und umgekehrt (alles andere, inkls. der Verzögerung und Hochtonanhebung wurde beibehalten) – quasi ein bewusst erzeugtes Übersprechen, wenn auch nur über Reflexionen.

Angefangen mit den bisherigen 12db Pegelunterschied zu den vorderen Wandlern (quasi dem Direktschall) gab es bereits eine hörbare Veränderung. Mit lauter werdenden hinteren Wandlern steigerte sich das Ganze noch, insbesondere eine bessere Tiefenstaffelung und es wurde noch „losgelöster“ von den Boxen –vor Allem an den weiter außerhalb des Sweetspots liegenden Hörplätzen.

Die Lokalisationsschärfe lässt kaum nach (im Vergleich mit der gleichkanaligen Ansteuerung der hinteren Wandler) - je nach Aufnahme hab ich sogar den Eindruck sie verbessert sich, was wohl auch an der verbesserten Tiefenstaffelung liegt (nah beieinander liegende Schallquellen werden jetzt in der Tiefenstaffelung besser differenziert). Bei den weiter außerhalb des Sweetspots liegenden Hörplätzen und im ganzen Raum, wird die Lokalisationsschärfe in ähnlicher Weise besser.

Wie bereits bei der kanalgleichen Ansteuerung, kann ich Tiefenstaffelung, Lokalisationsschärfe und die Räumlichkeit (in Grenzen) mit dem Pegelverhältnis der hinteren Wandler steuern. Irgendwann (ab ca. -5db) wird es dann aber auch hierbei „zu viel“ und zu „unpräzise“… das hängt auch von der Aufnahme ab – und dann muss ich halt wieder „zurückstellen“. Im Moment höre ich mit einem Pegelunterschied von ca. 10db – das ist ein guter Kompromiss für die meisten Aufnahmen.

Beim Vergleich mit Schallplatten-Wiedergabe (dann aber ohne die hinteren Wandler – es kommt ja schon genug Übersprechen vom Tonabnehmersystem) ist der Unterschied zwischen Schallplatten-Wiedergabe (ohne „Übersprechen“ durch die hinteren Wandler) und CD-Wiedergabe (mit „Übersprechen“ durch die hinteren Wandler) geringer als er vorher war.

Prinzipiell kann ich damit sagen, daß man offenbar mit Verändern der Tonalität des Hochtonbereichs und einem gewissen Maß an Übersprechen den Klangeindruck bei CD-Wiedergabe an den von Schallplatte annähern kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Diskus_GL

alias Joachim Liepold

im Februar 2019

 

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